Kindheit und Jugend gestern und heute. Ein altes Thema, aus dem noch immer Funken zu schlagen sind. Das bewies das Theaterstück „Wir wollen gesehen werden" der Unterstufentheater-AG unter Leitung von Anna Kalusok und Ulla Saur. Dabei lag der Reiz des Stücks darin, die Schülerinnen unserer Vorgängerschule mit Humor und Tiefgang auf die heutigen treffen zu lassen. Und ein rührendes Abschiedsstück für unsere theaterbegeisterte Schulleiterin Gerda Eller war es dabei auch noch.
Doch der Reihe nach. Das Mörike-Gymnasium residiert bekanntlich in einem Hauptgebäude, das 1906 als Höhere Mädchenschule eröffnet wurde. Wie tickten die Schülerinnen von damals? Gar nicht so einfach zu sagen, denn man fragte sie nicht danach. Leibesübungen im Jahre 1911. „Vortreten!" Die strenge Sportlehrerin klatscht im Takt und zensiert im Handumdrehen: „Befriedigend." „Ausreichend." „Mangelhaft." „Ungenügend. Zurück!" – „Aber ich – " – „Nicht sprechen!" Fräulein Moser (Diya Hayaldar, 6d) kennt kein Erbarmen. Der Clou: Da das Theaterstück in der Mörikehalle und nicht wie gewohnt in der EMMA stattfindet, fühlt man sich tatsächlich ins frühe 20. Jahrhundert versetzt. Denn die Architektur unserer Schulsporthalle atmet nun einmal den Geist der vorigen Jahrhundertwende, und die von Rebekka Hemminger eigens für die Aufführung entworfenen und geschneiderten Kostüme tun ihr Übriges, um die Zeitreise perfekt zu machen.
Mindestens ebenso beeindruckend war die schauspielerische Leistung der 33 (!) beteiligten Schülerinnen und Schüler aus den Klassenstufen 5, 6 und 7 in den fünf Aufführungen vor den Pfingstferien, denen monatelange intensive Proben vorausgegangen waren. Und welches Wunder die AG-Leiterinnen Anna Kalusok (Regie und Skript) und Ulla Saur (Regie, Requisiten, Kostüme) vollbracht haben, diese muntere Schar erst einmal zu bändigen, um sie dann zu solchen Höchstleistungen zu motivieren! Unterstützt wurden sie dabei von unserer Abiturientin und leidenschaftlichen Schauspielerin Bianca Roberts als Regieassistentin und Michael Fetzer (Sound und künstlerischer Support). Eine grandiose Teamleistung!
Zurück in die Möriketurnhalle und die Uhr nach vorn gedreht: Sportunterricht 2026. „Ich kann heut nicht. Ich hab Kopfschmerzen." „Ich auch nicht, meine Nägel sind frisch." „Ich hab meinen Sportbeutel vergessen, darf ich trotzdem mitmachen?" Dreimal ich, dreimal eigene Befindlichkeiten. Sportlehrerin Haselnuss (Özgu Daglioz, 6c) nimmt es mit Gleichmut: „Niemand stirbt. Alle aufstehen!"
Aber auch 1911 hatten Schülerinnen Wünsche. „Ich möchte Hockey spielen", sagt Theresa (Patricia Metes, 6c), als die Schulleiterin, Fräulein Schwitzchen (Jutta Dukart, 5c), den Sportunterricht besucht. Nur dass diese nicht ernst genommen werden: „Mädchen spielen nicht Hockey. Disziplin ist Zier."
Nach diesen harten Schnitten der Spiegelmoment: Beide Gruppen bewegen sich auf die Mitte der Halle zu, und die Gestrigen wundern sich. Während Sofia (Selina Czempiel, 5a) sich fragt, ob es sich bei den Heutigen um Zirkusleute handele, freut sich Theresa: „Spielt ihr … Hockey?" Bezeichnend auch die verschiedenen Wahrnehmungen des Lehrpersonals. Frau Schwitzchen: „Diese Disziplinlosigkeit heute … Nachsitzen für alle." – Frau Haselnuss: „Ich sehe hier viel Energie. Aber noch ein bisschen wenig Miteinander."
So arbeitet das Stück im Wechsel zwischen den Zeiten und mit vielen überraschenden Begegnungen die Unterschiede zwischen Schule gestern und heute heraus. Die Handlungsklammer bildet ein Fund: Bei einer Theaterprobe für das Abschiedsstück ihrer Direktorin finden die Schüler/innen des Mörike-Gymnasiums ein altes Tagebuch. Es gehört ebenjener Theresa, die Hockey spielen und überhaupt lebendig sein möchte – statt nur ordentlich. „Manchmal habe ich Angst, dass ich verschwinde, wenn ich immer nur tue, was man erwartet", liest der erstaunte Willy (Levi Rosin, 7d) aus ihrem Tagebuch vor.
Das ist nicht das Problem der heutigen Schüler/innen, vielmehr fragen die sich, in den Handarbeitsraum der Mädchenschule anno 1911 geworfen, wie ihre Vorgängerinnen ohne WLAN und Youtube-Anleitungen überlebt haben. Aber zeigt sich hier der Konformismus nicht nur in neuen Kleidern? Und ist der Druck, immer sichtbar sein zu müssen, stattzufinden in den virtuellen Chats, nicht manchmal ebenso belastend wie die Fremdbestimmung vor hundert Jahren? Mit dem Unterschied, dass der ständige Zwang zur Präsentation selbstbezogenere, narzisstischere Subjekte hervorbringt?
Doch letztlich kämpfen beide Seiten mit denselben Fragen: Wer darf ich sein? Was wird von mir erwartet? Und wie finde ich meine eigene Stimme?
War es damals ein Zuviel an Zwang und ein Zuwenig an Bildung (Theresa: „Wir wünschen uns Unterricht, der auch unseren Verstand fordert: Naturkunde, Wissenschaft, moderne Sprachen und Geschichte"), scheint es heute ein Zuviel an Möglichkeiten und ein Zuwenig an echtem Austausch zu sein: „Auch wenn unsere Handys leuchten, wollen unsere Stimmen echt sein", wünschen sich Lucy (Sevilla Beran, 5c) und Naemi (Ines Schindler, 5d), und Lucy ergänzt: „Bei uns – in einer anderen Zeit – dürfen Mädchen fast alles. Aber auch dann verschwinden Menschen, wenn andere über sie reden statt mit ihnen."
Am Ende wird nicht nur das Tagebuch gefunden, es haben auch die Zeiten voneinander gelernt: Die Erkenntnisse der heutigen Mörikaner/innen („Aber Bildung sollte nicht davon abhängen, ob jemand leise genug ist" – „Oder reich genug") verbinden sich mit denen der höheren Töchter von damals („Oder traurig genug, um sich klein zu machen" – „Oder ordentlich genug, um nie zu träumen" – „Oder ängstlich genug, um immer zu schweigen").
Das Fazit legt das Stück der wehmütig scheidenden Schulleiterin Gerda Eller, gespielt von Bianca Roberts, in den Mund: „Das Mörike bleibt, was es immer war: ein Ort des Aufbruchs. Und ihr habt mir heute gezeigt, dass Aufbruch auch Erinnerung braucht."
Was kann man Schöneres über ein Theaterstück sagen? har
