Mitten in der Corona-Pandemie, im September 2021, gründeten Frau Mäckle und Herr Varacalli die Theater-AG, seit März 2022 unterstützt sie Herr Fetzer mit seiner Expertise als Kunstlehrer bei den Proben. Die Vorbereitungen verzögerten sich aufgrund von Coronafällen im Ensemble immer wieder, nahmen in diesem Schuljahr dann aber mächtig Fahrt auf – an vielen Probensamstagen wurde engagiert am Stück und der Inszenierung gearbeitet.
Entsprechend groß war die Freude der Schulgemeinschaft, als am 3. März 2023 das erste Stück der Theater-AG auf die Bühne der EMMA gebracht werden konnte: eine Adaption von Charlotte Perkins Gilmans autobiographisch grundierter Erzählung „Die gelbe Tapete", erschienen im Jahr 1892. Frau Mäckle und Herr Varacalli verfassten die Szenenfolge selbst, nachdem sie mit den Schülerinnen und Schülern zuvor die Erzählung gelesen und interpretiert hatten.
Die Hauptfigur, einfühlsam verkörpert von Emilia Werth, findet sich in depressiver Verfassung nach der Geburt ihres ersten Kindes in einem Sommerhaus wieder. Angemietet hat es ihr Ehemann John, der als Arzt eine „hysterische Neigung" bei seiner Frau diagnostiziert hat, die er mit absoluter Ruhe im Dachgeschoss des Hauses – einem ehemaligen Kinderzimmer mit gelber Tapete – kurieren will.
„Und was kann man da machen?"
Ioannis Hailas gelingt es hervorragend, die bevormundende Haltung des Ehemanns zum Ausdruck zu bringen. Er begegnet seiner Frau stets als „Halbgott in Weiß", nie als Liebender. Taub für die Gefühle seiner empfindsamen Frau, gefällt er sich in einer wissenschaftlich-rationalen Attitüde, die nichts als ignorant ist.
Um das Seelenleben der Protagonistin auszuleuchten, besteht der Regie-Kniff darin, sie gleich dreifach zu besetzen. Neben Emilia Werth gibt Amy Fink das reflektierende Ich der Hauptfigur, indem sie deren Gedanken in Tagebucheinträgen niederschreibt. Doch selbst das Schreiben möchte John seiner Frau verbieten, verstärke es doch nur ihre „törichte Einbildung". So braucht es noch Felix Bichteler als rebellisches Ich, um den zur Selbstermächtigung drängenden Facetten der Hauptfigur eine Stimme zu geben.
Zu absoluter Passivität verurteilt und jeder Autonomie beraubt, konzentriert sich die Aufmerksamkeit der im Krankenzimmer Gefangenen immer mehr auf die sie umgebende gelbe Tapete, bietet diese ihr doch die einzigen Reize, die freilich immer beängstigendere Züge annehmen. „Ich hasse die Tapete", sagt sie schon zu Beginn, und wie sich dieser Hass zu Wahnvorstellungen steigert, wird szenisch beklemmend eindrücklich umgesetzt; so als das übrige Ensemble die Eheleute umzingelt und immer bedrohlicher ausruft: „Hass – Schmerz – Ekel – Terror – Folter – Gift".
„Und was kann man da machen?"
Die immer wiederkehrende, chorisch gesprochene Frage durchzieht das Stück und entfaltet als Denkaufforderung ans Publikum große Wirkung – ein toller Regieeinfall in der Tradition von Brechts epischem Theater. Im letzten Teil des Stücks führt die Frage zum Aufbegehren der Hauptfigur. Als John einmal über Nacht außer Haus ist, beginnt sie, unterstützt von der Haushälterin (mit komödiantischem Einschlag: Sophie Wilczewska), die Tapete abzureißen, und schließt sich im Krankenzimmer ein.
Als John zurückkommt und sich Zugang zum Zimmer verschafft, versucht sie gar, hinter die Tapete zu kriechen: „Gelb, gelb, gelb sind alle meine Wände, weil ich hinter die Tapete will", singt das Ensemble dazu. Zu viel für den braven Arzt – er fällt in Ohnmacht, und seine Frau kriecht über ihn hinweg. Ein Sieg über den fürsorglichen Tyrannen? Das Victory-Zeichen der Hauptfigur legt diese Lesart nahe. Dass der Wahnsinn der einzige traurige Ausweg aus dem patriarchalischen Gefängnis sein könnte, wäre indes ebenso denkbar.
Mit der Aufführung der „gelben Tapete" hat sich die Theater-AG ein anspruchsvolles Stück vorgenommen, einen feministischen Schlüsseltext, der uns als Zeugnis weiblicher Selbstermächtigung auch heute noch viel zu sagen hat. Der Applaus der 9. und 10. Klassen am Vormittag und die begeisterte Aufnahme des Stücks am Nachmittag in der öffentlichen Aufführung, die auch von vielen Eltern besucht wurde, machte deutlich, wie sehr die schauspielerische Leistung der Theater-AG überzeugt hat.
„Und was kann man da machen?" – Wir freuen uns auf viele weitere Aufführungen!
har
