In Neapel gibt es ein religiöses Ereignis, das dreimal im Jahr stattfindet. Beim sogenannten Blutwunder wird das alte, fest gewordene Blut des christlichen Märtyrers San Gennaro (4. Jh. n. Chr.) in einer Prozession durch die Straßen getragen. Nach vielen Gebeten und Gesängen gibt es zwei Optionen: das Blut bleibt fest, was ein schlechtes Omen und eine bevorstehende Katastrophe für die Stadt bedeuten würde, oder das Blut wird wieder flüssig. Dann können die Neapolitaner aufatmen und weiterleben wie bisher - dass bei der Veränderung des Aggregatzustands vielleicht auch die Umgebungswärme oder die Bewegung des Bluts eine gewisse Rolle spielen, ist nicht ausgeschlossen. Am Tag vor dem Beginn unserer Studienfahrt wurde das Blut flüssig. Unter diesem guten Vorzeichen fuhren wir am Samstagnachmittag mit dem Reisebus los.
Wir hatten uns zum Teil noch nicht einmal angeschnallt, da mussten wir bereits wieder anhalten, da am Bus die Klimaanlage kaputt war. „Keine Sorge, das ist eine Sache von 10 Minuten". Nach 60 Minuten langen 10 Minuten ging unsere Fahrt dann weiter. 19 Stunden mit sehr wenig Schlaf und 2 halbe Reifenplatten später kamen wir in „Meta di Sorrento" an. Hat sich schon einmal jemand die Frage gestellt, was wohl stärker ist: ein Busfenster oder ein Ast? Wir haben die Antwort! Es ist der Ast. Mit einer Scheibe weniger und dem völligen Vertrauensverlust in das „Blutwunder" liefen wir Richtung Campingplatz.
Angekommen und geduscht konnten wir den ersten Abend genießen und mit dem Sonnenuntergang über dem Meer den Stress der Fahrt auch schnell wieder vergessen. Am Montagmorgen um 6:30 Uhr klingelte in einigen Hütten bereits der Wecker - ein voller Tag stand bevor und es musste noch viel erledigt werden. Wir kauften den Sprudelbestand der Supermärkte in näherer Umgebung leer und schleppten unsere Ausbeute wieder zum Campingplatz. Von dort ging es dann los zu unserem Bus (minus 1 Scheibe). Der erste Halt: Pompeji. Unsere Führerin Loredana empfing uns am Stadteingang in der Nähe des Amphitheaters. Sie kennt jede Ecke der verschütteten Stadt und nennt jede Straßenkatze mit Namen. Während der Führung wurde schnell klar, dass diese alten verlassenen Steine unfassbare Geschichten erzählen. Die noch wunderbar erhaltenen Fresken an den Hauswänden gaben den Erklärungen von Loredana Farbe. Sie sind Zeugen des römischen Alltagslebens in Pompeji. Wir sahen beispielsweise Abbildungen von Göttern in den Villen reicher Bürger, Wahlplakate auf den Straßen, aber auch Preislisten in Freudenhäusern. Immer wieder konnte man durch die Mauern der Stadt auf den Vesuv schauen, welcher für ihre Zerstörung im Jahr 79 n. Chr. verantwortlich war.
Auf diesen sind wir am selben Tag noch hochgewandert, um Pompeji auch von oben zu betrachten. Auch hier hatten wir einen Guide, Roberto. An der Spitze erwartete uns leider nicht das dringend nötige Sauerstoffzelt, aber dafür eine atemberaubende Aussicht über den Golf von Neapel. Roberto war völlig begeistert von der Geologie und der Geschichte des Vesuvs und diese Begeisterung ist auch definitiv bei uns angekommen. Die Akustik des Kraters ist sensationell: wenn 26 Personen gleichzeitig „Tor" brüllen, wähnt man sich durch das Echo in einem Fußballstadion. Der Abstieg ging dann so schnell, dass die vorherige Anstrengung direkt wieder vergessen war. Der erste volle Tag endete mit einem wunderschönen Sonnenuntergang über dem Meer und gutem Essen.
Viel zu früh klingelten am Dienstag unsere Wecker. Mit dem Frühstück noch in der Hand machten wir uns auf dem Weg zur „Circumvesuviana", der Bahn, welche die Städte um den Vesuv verbindet. Erste Erfahrungen mit dem italienischen Berufsverkehr machten wir in einer Busfahrt um die engkurvigen Klippen in Richtung Amalfiküste. Schließlich kamen wir bei der Meeresforschungsschule UNIMARE an. Nach einer Begrüßung ging es mit einer kurzen Theoriestunde über das europäische Mittelmeer los. Aber was ist besser als Theorie? Richtig - die Praxis! Also tat uns das Wasser einfach den Gefallen, zu uns zu kommen. Ein Platzregen fiel wortwörtlich aus allen Wolken: er floss in Strömen durchs Dach, die Treppen herunter und als Indoor-Wasserfall an der Wand entlang, verstärkt mit einigen Special-Effects von Gewitter und Co. Durchnässt, ohne im Meer gewesen zu sein, gab es Mittagessen (Unfassbar lecker!!!). Das Gewitter ließ dann doch noch nach und wir konnten am Nachmittag unsere Schnorcheleinheit im Meer beginnen. Leider hatte der viele Regen das Meer ziemlich aus der Fassung gebracht. Das erschwerte die Suche nach den winzigen Organismen aufs übelste. Trotzdem konnten wir beim Tauchen ein paar Schnecken, Krebse, Seeigel, Muscheln und Algen herausfischen und untersuchen. In Kleingruppen wurden diese klassifiziert und genauer bestimmt. Bestens informiert darüber was „Rhodophyta" sind, fuhren wir zurück nach Sorrent. Dort teilten wir uns in kleinere Grüppchen und jeder gestaltete den Abend nach seinen Wünschen. Nachdem abends in den Bungalows auch noch bei einigen die Toilettenspülung den Geist aufgegeben hatte, war nicht mehr daran zu zweifeln, dass das Blutwunder am 19.09.2025 leider völliger Quatsch war.
„Neapel sehen und sterben": Am Mittwochmorgen ging es mit der Circumvesuviana nach „bella Napoli". Nicht nur in Deutschland ist die Bahn ein Problem, auch in Italien bekamen wir 40 Minuten Fahrzeit gratis dazu. Unser Guide Nicola führte uns durch die Straßen Neapels und - wie zufällig - tatsächlich zum Dom des Heiligen Gennaro. Und so geschah es: dort sahen wir tatsächlich das immer noch flüssige Blut des Märtyrers. Herr Fetzer wurde sogar höchstpersönlich vom Priester mit dem Blut gesegnet. Und vielleicht muss man dem Blutwunder doch ein wenig Validität zusprechen, denn danach gab es keine weiteren Katastrophen mehr. Nach unserer Führung hatten wir Freizeit. Gesättigt von der BESTEN Pizza (die Pizza wurde ja angeblich in Neapel erfunden) und versorgt mit „Cornicelli" (kleine rote Hornamulette zum Schutz vor bösen Geistern) trafen wir uns wieder als ganze Gruppe für eine weitere Führung, diesmal aber unter der Stadt. Neapel ist aus gelbem Tuffstein erbaut, die Stadt ist unterirdisch in einer Gesamtlänge von 50 km durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Wir stiegen 137 Stufen hinab bis zu den ehemaligen römischen Aquädukten (Wasserleitungen). Die Geschichten, welche unter der Stadt verborgen liegen, sind mindestens genauso spannend wie die über dem alten Kopfsteinpflaster: es gab dort angeblich „munacielli" („kleine Mönche" wegen ihrer dunklen Kapuzen), die die unterirdischen Gänge sauber hielten und wie Kobolde nachts die Häuser Neapels besuchten. Es finden sich aber auch Spuren aus dem zweiten Weltkrieg, als die Gänge als Bunker fungierten. Die ganz Mutigen unter uns konnten durch einen der alten Wassertunnel „laufen". Mit 40 cm Breite und 10m Höhe ist er schon ganz schön anspruchsvoll. Seitlich kraxelnd und in völliger Dunkelheit kämpften sich also einige von uns zu unterirdischen Wasserspeichern durch, um einen Einblick zu bekommen, wie es ausgesehen haben muss, als vor hunderten Jahren noch das Trinkwasser durch die Gänge floss. Wieder als ganze Gruppe zusammen stiegen wir in einen ehemaligen Weinkeller hinab, welcher sich als römisches Theater entpuppte. Zurück auf dem Campingplatz begann unser letzter Abend. Wir konnten ihn bestens nutzen und als Gruppe noch einmal zusammenwachsen. Viel zu spät fielen wir alle ins Bett.
Am letzten Morgen wurde fleißig aufgeräumt und das Hoch-und Runter-Rennen der Treppen diente definitiv als Frühsport. Nach dem Auschecken trennte sich die Gruppe. Einige fuhren nach Sorrent für einen letzten Vormittag in der Stadt, andere spazierten durch Meta di Sorrento und genossen am Ufer die Sonne und den Blick auf das Meer. Dann mussten wir schweren Herzens in unseren (wieder reparierten) Bus steigen. Wir kamen 18 Stunden später ohne wirkliche Schwierigkeiten im grauen, nassen Esslingen an. Nach einer gemeinsamen Verabschiedung trennte sich unsere Gruppe.
Wir werden diese Studienfahrt nie vergessen und bestimmt noch oft über die Pannen lachen. „Nostalgie" wird für immer ein wenig verbunden sein mit dem gelblichen Schein dieser wunderbaren italienischen Kleinstadt und dem Geschmack von ein bisschen zu harten Nudeln mit Pesto. Vielen Dank an Frau Hemminger und Herrn Fetzer, die es 6 Tage mit uns ausgehalten haben. Und natürlich auch an alle anderen, die uns diese Studienfahrt ermöglicht haben. Special shout out to: Tinko, unserem Busfahrer, und Salvatore, dem coolsten Parkplatzeinweiser Italiens.
Bianca Roberts, KS 2
Post Scriptum von Frau Hemminger und Herrn Fetzer: Von "Aushalten" kann keine Rede sein! Wir bekommen beide immer noch gute Laune, wenn wir an die Fahrt mit Euch denken. Ihr wart alle ganz wunderbar und der Golf von Neapel ist es ohnehin. „San Gennaro ha fatto il miracolo" - das Blutwunder hat tatsächlich seine Wirkung gezeitigt ;-)
