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Kindheit in der DDR: ehemaliger Mörike-Lehrer als Zeitzeuge

Clemens Jarosch 1958 als stolzer Träger eines Hawaiihemds – Symbol der materiellen Sehnsüchte –, das ihm seine Eltern von einem Besuch in Westberlin in ihren brandenburgische Noch-Heimatort Marienthal mitgebracht hatten. Clemens Jarosch 1958 als stolzer Träger eines Hawaiihemds – Symbol der materiellen Sehnsüchte –, das ihm seine Eltern von einem Besuch in Westberlin in ihren brandenburgische Noch-Heimatort Marienthal mitgebracht hatten.

Im Zuge des diesjährigen Seminarkurses zum Thema “30 Jahre Mauerfall” hat Herr Hartlieb einen Zeitzeugen zu uns in den Unterricht eingeladen: Clemens Jarosch.

Herr Jarosch ist ein ehemaliger Lehrer des Mörike-Gymnasiums und wurde in der DDR geboren. Er berichtete von seiner Kindheit und der Flucht aus der DDR.

1951 hineingeboren in eine “typisch deutsche Familie”, wie er sagte, wuchs Herr Jarosch in einem kleinen Dorf in Brandenburg auf. Die Eltern waren, um Arbeit zu finden, wie so viele Schlesier nach Brandenburg gegangen. Nach Krieg und Kriegsgefangenschaft begannen die Eltern in der minimal mit Baumaterialien und anderen Dingen versorgten DDR ein Haus zu bauen. Jedoch fühlte die Mutter sich nie ganz wohl in Brandenburg, was später eine Rolle für die Flucht spielte.

Herr Jarosch berichtete uns von seiner Kindheit, die er als normal und glücklich beschrieb. Als er eingeschult wurde, kam er zum ersten Mal in Kontakt mit der Linienführung der DDR. Das äußerte sich auf verschiedene Weise. Zum einem gab es den sofortigen Anspruch der Schule darauf, dass die Schüler Mitglied der “Jungen Pioniere” – der Kinderorganisation der Partei – werden. Herrn Jaroschs Eltern verweigerten dies allerdings und Herr Jarosch wurde ausgeschlossen, da alle anderen Kinder bei den “Jungen Pionieren” waren. Viele Überzeugungsversuche später durfte er dann doch zu den “Jungen Pionieren” und war darüber sehr erleichtert.

Auch wurde den Kindern bereits in der Schule beigebracht, was es heißt, ein “guter Sozialist” zu sein. Herr Jarosch beschrieb diesen Vorgang als “unterschwellige Indoktrination”, was ihm bereits in jungen Jahren klar wurde. Nach einer Wahl, die – wieder mal – mit 98% der Stimmen für die SED ausfiel, war allen klar, dass man aufpassen musste, was man sagte.

Als der Bruder von Herrn Jarosch nach Abschluss der Schule studieren wollte, reifte der Fluchtgedanke. Denn in der DDR, die sich als “Arbeiter-und Bauernstaat” bezeichnete, musste man vor dem Studium eine Lehre machen und sowohl der SED beitreten als auch am besten noch in ihr aktiv sein. Jedoch war einem ein Studienplatz auch dann noch nicht hundertprozentig sicher. Aufgrund dieses ständigen Kampfs um das Studium beschloss Herr Jaroschs Bruder zu fliehen. Die Eltern beschlossen daraufhin ebenfalls zu fliehen, da sich die Mutter zum einen in Brandenburg sowieso nicht wohlfühlte und der Vater zum anderen von einem Parteisekretär sagen gehört hatte: “Wartet mal ab, bis wir euch hier sicher haben”. Er spielte damit darauf an, dass viele Leute flohen und so “den Staat ausbluteten”. Die Flucht wurde akribisch geplant, ohne Herrn Jarosch etwas davon zu sagen, denn alles musste unter größter Verschwiegenheit geschehen. Die Familie teilte sich auf und gelangte unter Vorwänden nach Westberlin. Das war damals noch möglich, da die Mauer noch nicht stand. Man konnte sogar mit der S-Bahn, die aber streng kontrolliert wurde, von der einen Seite auf die andere fahren. Nach der Wiedervereinigung der Familie wurde von einem Flüchtlingslager, in dem sie waren, die Flucht in den “richtigen Westen” organisiert. Die Bedingungen in den Flüchtlingslagern waren so wie heutzutage und man lebte von der Hand in den Mund. Als die Mauer gebaut wurde, hatten alle Angst davor, zurückgesendet zu werden.

Herr Jarosch berichtete uns von einer völligen Trennung von der DDR in der Zeit nach der Flucht und von Problemen mit der Verarbeitung der plötzlichen Flucht. Auch die Tatsache, dass sie ihr Haus verloren hatte, machte der Familie zu schaffen.

Nach der Wende konnte man sein Eigentum zurückfordern, aber Herr Jarosch ist dagegen gewesen, denn er hätte es als unfair gegenüber den neuen Bewohnern des Hauses empfunden, die er bei einem Besuch gesehen hatte.

 

Herrn Jaroschs Zeitzeugenvortrag war sehr persönlich, wofür wir uns an dieser Stelle bedanken möchten. Auch möchten wir uns bei Herrn Hartlieb für die gute Organisation und die Ermöglichung solch interessanter Einblicke bedanken.

 

 

Julia Stelzer, Elena Kolaric (KS 1)

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