Ein Zeitzeuge am Mörike - Mike Michelus über sein Leben in der DDR

"Ich will nicht werden, was mein Alter ist!“ (Ton Steine Scherben) – Das Erschrecken des jungen Punks über die fahlen Gesichter der Werktätigen in der U-Bahn "Ich will nicht werden, was mein Alter ist!“ (Ton Steine Scherben) – Das Erschrecken des jungen Punks über die fahlen Gesichter der Werktätigen in der U-Bahn

In der elften Klasse wird bei uns an der Schule das Seminarfach angeboten, in dessen Rahmen alle Teilnehmer*innen eine Seminararbeit schreiben werden. Der diesjährige Seminarkurs steht unter dem Motto „30 Jahre Deutsche Einheit“. Er befasst sich mit dem 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls, seinen Ursachen und Folgen.

Um Nähe zu der für uns fremden Zeit herzustellen, hat unser Lehrer, Herr Hartlieb, einen Zeitzeugen zu uns an die Schule eingeladen: Mike Michelus.

Dieser wuchs in Ost-Berlin auf und beschreibt seine Kindheit als glücklich und ‚normal‘. In seiner Schulzeit baute er enge Beziehungen zu seinen Lehrer*innen auf und wurde durch diese zu einem staatstreuen jungen Menschen erzogen. Doch was bedeutet das eigentlich?

In der DDR herrschte damals ein sozialistisches Einparteiensystem. Es gab mehrere Untergruppierungen, doch diese waren letztlich alle der Regierungspartei, der SED, untergeordnet. Die Ideale dieser einen Partei wurden in der Schule gelehrt und es wurde von den Schüler*innen erwartet, diese anzunehmen. So ging es auch Mike Michelus. Er bezeichnete sich als Kommunist, bevor er überhaupt wusste, was das bedeutet.

Später begann Michelus das System aufgrund von mehreren Ereignissen während seiner Schulzeit zu hinterfragen und den für ihn vorherbestimmten Weg zu verlassen. Denn als Gymnasiast und ‚Agitator‘ hatte er in der DDR ein hohes Privileg inne. Für ihn war ein akademischer Werdegang vorgesehen, doch am Ende der elften Klasse brach er diesen ab.

Darauf folgte ein Einstieg in die Punk-Szene und eine wachsende Distanzierung vom Staat. Er lebte mit verschiedenen Freunden zusammen, unter anderem mit Jenni. Diese plante, durch eine friedliche Protestaktion verhaftet zu werden, um als Häftling aus der DDR freigekauft zu werden. Mike Michelus begleitete sie bei der Aktion, nicht wissend, dass gegen ihn schon ein Haftbefehl vorlag. Kurzerhand entschied er, sich an Jennis Vorhaben zu beteiligen: Sie setzten sich, schweigend und die Gesichter kalkweiß geschminkt, mitten auf den Berliner Alexanderplatz und hielten die SED-Zeitung Neues Deutschland in die Höhe.

Das genügte schon – die beiden wurden verhaftet. Der fadenscheinige Grund dafür war die angebliche „Beeinträchtigung staatlicher Organe“. Es folgten Verurteilung und einige Monate Haft, bevor Mike Michelus einen Antrag auf Freikauf von der BRD stellte, der schließlich auch Erfolg hatte.

Somit lebt er seit 1989, also kurz vor dem Fall der Mauer, in West-Deutschland.

Seit einigen Jahren arbeitet Mike Michelus als professioneller Zeitzeuge, weil es ihm ein Anliegen ist, über die Vergangenheit aufzuklären und die Bedeutung einer funktionierenden Demokratie zu verdeutlichen. Er legt es uns allen ans Herz, uns für diese einzusetzen und uns in die Politik einzumischen, solange wir es können, denn unser Staat sei wie eine Blume, um die man sich jeden Tag ein bisschen kümmern müsse.

Die gesamte Gruppe, die diesem Vortrag zuhören durfte, empfand ihn als große Bereicherung. Mit viel Anschauungsmaterial und Akten, die er aus dieser Zeit mitbrachte, gelang es Mike Michelus, uns seine Erlebnisse ebenso spannend wie anschaulich und schülerfreundlich nahezubringen.

 

Elena Kolaric und Julia Stelzer, KS1

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