„Re-Labeled“ – Gibt es ein richtiges Leben in der Konsumwelt?

[12.7.2019] Kann man heute angesichts globalisierter Produktionsketten überhaupt guten Gewissens einkaufen? Wie funktioniert Werbung? Und sind die hippen Youtube-Influencer am Ende nicht auch nur Fremdbestimmte der Trends und Abhängige ihrer Followerzahl? Mit diesen Fragen befasste sich der Literatur- und Theaterkurs von Frau Rukatukl ein Schuljahr lang am Mörike-Gymnasium. Das Thema ist relevant für die SchülerInnen, sehen sich diese doch von Kindheit an in der realen wie virtuellen Welt nicht selten auf ihre Konsumentenrolle reduziert, die ihre Identität zu bestimmen droht. Sag mir, was und wie du kaufst, und ich sage dir, wer du bist.

Die globale Perspektive wird gleich zu Beginn aufgeworfen: Die Videoprojektion eines Erdball zoomt den kleinen Schurwaldort Adelberg heran, in dem die Rahmenhandlung des von den SchülerInnen selbst entwickelten und geschriebenen Stücks spielt. Die beiden Beschäftigten der örtlichen Mini-Filiale eines Kleiderdiscounters, der in Bangladesch zusammengenähte Klamotten anbietet, sehen sich dem Druck des Juniorchefs Brockenmüller ausgesetzt. Dieser möchte eine neue Kollektion platzieren, die zunächst im Lager vorgehalten werden soll. Dafür muss „der ganze alte Schrott“, der aus Unmengen unverkäuflicher, weil schockierend hässlicher gelber Winter-Overalls besteht, schleunigst raus aus dem Lager, sonst, so droht der selbstgefällige Gewinnmaximierer, werden Kleiderverkäuferin Trudi und Sekretärin Moni arbeitslos. Keine schöne Aussicht für Trudi, die noch ein Haus abzubezahlen hat.

Womit sich in Adelberg die marketingtechnisch knifflige Frage stellt, wie sich die scheußlichen Overalls mitten im Hochsommer absetzen lassen. Vom Vorgesetzten Brockenmüller ist keine Hilfe zu erwarten, will er Trudi doch lieber heute als morgen feuern und durch billigeres Personal aus Osteuropa ersetzen. Monis rettende Idee: Ihre Nichte Chantal, netzbekannte Influencerin, soll die Ladenhüter aus dem Lager herausbeeinflussen.

Bevor die Zuschauer erfahren, ob ihr das gelingt, haben die SchülerInnen eine spannungssteigernde Verzögerung eingebaut: Vier klassische Käufertypen (Grübler, Sparfuchs, Shopper, Besserwisser) treten auf und karikieren wunderbar, wie sich im Konsumverhalten der Charakter spiegeln kann.

Da Chantal zwar von jugendlichen Konsumopfern noch immer angehimmelt wird, wie der Auftritt ihres weiblichen Fans Simone zeigt, aber doch auch mit einem Abfluss an Followern zu kämpfen hat, ist sie froh über das Jobangebot der Tante, das Lager in Adelberg leeren zu helfen. Dort herrscht Melancholie (musikalisch schön unterstrichen durch den Jazzstandard „Georgia on My Mind“). Die Grüblerin ist sich mit dem Overall gar nicht sicher, der Sparfuchs findet ihn naturgemäß unerhört teuer, die Besserwisserin verweist auf Krebsgefahren und Textilfabrikunglücke in Bangladesch, einzig die Shopperin erwägt einen Spontankauf, wiese sie nicht die Besserwisserin darauf hin, dass die Trendfarbe des Monats ocker- und nicht zitronengelb sei. Der Absatz stockt also weiterhin, Abhilfe tut not.

Höhepunkt des Stücks: Chantal und die zum Influencer-Lehrmädchen mutierte Simone tanzen recht lasziv erst hinter dem, dann um das hässliche Objekt der Nicht-Begierde herum. Und so animieren sie nach und nach auch sechs schwarz gekleidete Konsumverweigerer, die ihnen zunächst nur teilnahmslos zusehen, zunehmend roboterhaft, von der erotischen Verkaufsbeeinflussung wie ferngesteuert, ebenfalls in den Tanz um den goldenen Overall einzustimmen. Eine herrliche Persiflage auf die (auf Automobilmessen noch immer übliche) Lächerlichkeit, mit der Waren in der Werbung mittels weiblicher Reize der Fetischcharakter eingeschrieben wird, den sie für unkritische Konsumenten dann auch tatsächlich gewinnen.

Dass dies für die SchülerInnen des Literatur- und Theaterkurses ganz und gar nicht zu gelten scheint, zeigte die erstaunlich (selbst-)reflexive Anlage des Stücks und die satirisch-distanzierte Figurenzeichnung, die das Publikum nicht nur amüsierte, sondern auch nachdenklich stimmte. So sah es auch Schulleiterin Gerda Eller, die Maren Rukatukl für ihr Engagement als Kursleiterin und dem Schülerensemble für seine Gesamtleistung dankte: „Besonders beeindruckend war heute Abend, wie gekonnt ihr Unterhaltung und Gesellschaftskritik spielerisch auf hohem Niveau verknüpft habt.“

[har]

 

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