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Lyriklesung mit José F. A. Oliver

[18.7.2018] Die Schülerinnen und Schüler der KS I, die sich in den letzten Wochen im Deutschunterricht mit dem Abithema Naturlyrik beschäftigt haben, hatten am Mittwoch die Möglichkeit zu erfahren, wie ein Dichter arbeitet, was ihn antreibt und was ihn an Gedichten bewegt.

„Wer von euch liest in seiner Freizeit Gedichte?“ – Schweigen in H5.02 am Mittwochmorgen. Bei der zweiten Frage, die sich nach dem Gegenteil erkundigt, gehen hingegen die meisten Finger hoch. José Oliver, vielfach ausgezeichneter Lyriker spanischer Herkunft, fragt nach den Gründen. Die Antwort eines Schülers, „weil man sie nicht versteht“, nimmt er zum Anlass, den Schüler*innen den rein analytischen Blick auf Gedichte zu nehmen. „Ich schreibe nur über das, was ich nicht begreife. Es geht in Gedichten nicht um wahr oder falsch, die Stimmigkeit ist entscheidend.“ Wie ein Musikstück soll auch ein Gedicht gehört und gespürt werden.

Schon in den ersten Minuten der Lesung mit José Oliver wird somit die Frage nach Henne oder Ei, die Frage, ob zuerst der Trochäus da ist oder der Inhalt, beantwortet. Ein Gedicht ist kein rationales Konstrukt, das Metrum oder Stilmittel zum Ausgangspunkt hat. In Olivers Fall beginnt ein Gedicht mit einer Notiz über etwas, das ihn beschäftigt. Am Vorabend der Lesung im Esslinger Juli sei es der Gedanke an den Sommer gewesen. Die Vorstellung, dass wir gerade den ersten Sommer erleben, der zugleich auch der letzte ist. Ob diese Notiz im Laufe der Zeit zu einem Notat reifen, sprachlich verdichtet und schließlich zu einem Gedicht werden wird, weiß Oliver noch nicht und hält die vier Stationen des Schreibens an der Tafel fest.

Und selbst wenn: Es gebe keine endgültige, definitive Fassung eines Gedichts, wie er in Anlehnung an den mexikanischen Schriftsteller Octavio Paz anmerkt. Vielleicht ist ein Gedicht ja der Entwurf für ein Gedicht, das noch gar nicht geschrieben wurde. Gedichte brauchen Zeit – „literarische Ruhezeit“ nennt Oliver das. Sein aktueller Lyrikband „wundgewähr“ enthält Gedichte, deren Entstehungszeiten sich teilweise über ein Jahrzehnt erstrecken.

Er beschreibt das Dichter-Sein als eine Seins-Form, etwas, das man sich nicht aussuche, sondern sei. Entscheiden könne man lediglich, ob man aus der Berufung auch einen Beruf mache.

„Ein Dichter beschreibt nicht die Schönheit der Rose, er lässt sie in seinem Gedicht erblühen“. Im Gegensatz zu einem Roman erkläre Lyrik nicht. Das sei es, was ihn an Gedichten fasziniere, antwortet Oliver auf die Frage eine Schülerin. Er zitiert Antonio Machado, einen spanischen Lyriker: „Ich weiß nicht, bist du der Durst oder das Wasser auf meinem Weg“. In diesen wenigen Worten sei alles über die Liebe gesagt, ohne etwas zu erklären. Auch auf den Blickwinkel des Lesers komme es an. Eine Finnin lese diese Zeilen sicherlich ganz anders als ein Beduine.

José Oliver trägt zwischen seinen Ausführungen eigene Gedichte vor. Er gewährt den Zuhörern Einlass in seine Gedanken während der Entstehung der Texte, erläutert die Entscheidung für eine bestimmte Formatierung bei der Publikation und erklärt, warum er das eine Gedicht viel schneller vorliest als das andere. Exklusive Einblicke, die den Schüler*innen vielleicht einen neuen Zugang zu Lyrik – auch im Unterricht – ermöglichen. Am Ende steht der Text aber für sich.

[E. Scholz]

Foto: Archiv des Autors
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