Aussteigen oder einsteigen?

[7./8.7.2018| Elf Figuren in Schwarz schreiten über die Bühne, begleitet von einem monotonen Takt. Doch ihre Ausrufe lassen erkennen, dass sie sich vom Gleichschritt lösen wollen: „Etwas wirklich erleben“, „Endlich selbstständig sein“, „Sehnsucht nach Neuem“. Also: Weiter im Takt marschieren oder ausbrechen?

Mit dieser Frage befasste sich der Literatur- und Theaterkurs ein Schuljahr lang am Mörike-Gymnasium. Das Thema liegt für die OberstufenschülerInnen nahe, da sie sich am Ende ihrer Schulzeit stark mit Erwartungen von Eltern, Hochschulen und Arbeitsmarkt konfrontiert sehen.

Doch könnte der Schulabschluss nicht auch eine Möglichkeit sein, sich von diesen Erwartungen zu befreien und einen eigenen Weg einzuschlagen? Und, vielleicht noch schwieriger zu beantworten: Wie sähe dieser eigene Weg dann aus? In Auseinandersetzung mit verschiedenen Aussteigerbiographien entwickelten die SchülerInnen vier Figuren, die sich auf je spezifische Weise mit dem Gedanken auszusteigen beschäftigen. In 15 szenischen Bildern gestaltet das Schülerensemble den „Sweet Dream“ (so der Titel des selbstgeschriebenen Stücks) des Aussteigens, ohne dessen Widersprüche und Schattenseiten auszublenden. Beispielhaft sei die von Sophia Lutz gespielte Olivia genannt, die einen Medizinstudienplatz ausschlägt, um in Australien ihre familiären Wurzeln – und sich selbst – zu finden. Nach einem kurzen Hochgefühl der Freiheit muss sie feststellen, dass die freiwillig gewählte soziale Isolation in der australischen Wüste ihre Selbstfindung nicht befördern wird. Weniger den Weg des Aussteigens als den des Einsteigens in touristische Routinen wählen drei Figuren, die auf Mallorca einige rauschhafte Momente erleben. Ob sie dieses Erlebnis einem eigenen Lebensweg nähergebracht hat, bleibt offen. Am Ende steht wieder das metronomartige Ticken einer Uhr, das die AussteigerInnen unerbittlich an den strengen Takt der gesellschaftlichen Erwartungen erinnert. „Ich verspüre oft einen Wunsch“, flüstern die Figuren nun nur noch, merklich leiser geworden in ihrem Ausbruchsdrang. Das zunächst melancholische Schlussbild der jugendlichen Gipfelstürmer, das an die engen Spielräume für gelebten Eigensinn in einer weithin konformistischen Gesellschaft gemahnt, endet in einem energischen Ruf der Einzelnen an die Zuschauer: „Unterstützt mich doch!“, „Aussteigen ist gar nicht so schwer, wie ihr denkt!“ und „Wisst ihr was? Irgendwann bin ich einfach weg!“ Da ist sie wieder, die Ambivalenz zwischen Verzagtheit und Aufbruch, die das Stück durchzieht.

Die eigenständige Erarbeitung der Szenen und das beachtliche schauspielerische Niveau der SchülerInnen beeindruckten nicht nur die Gäste in der Aula des Mörike-Gymnasiums. Auch beim „Schultheater der Länder“, dem größten Schultheaterfestival in Europa, überzeugte der Mörike-Theaterkurs: Das Stück wurde mit einem hervorragenden zweiten Platz in Baden-Württemberg ausgezeichnet. Ermöglicht hat diese Leistung die verantwortliche Kurslehrerin Maren Rukatukl, die von der Referendarin und Theaterpädagogin Nadja Knott tatkräftig unterstützt und von dem renommierten Regisseur und Theaterpädagogen Rob Doornbos künstlerisch beraten wurde.

Im Namen der Schulleitung dankte Werner Hobbing allen Beteiligten für die eindrucksvolle Vorstellung, die zeigt, zu welchen Erfolgen ein Schultheater fähig ist, das die Sehnsüchte und Ängste der SchülerInnen selbst zum Thema eines Stücks macht.

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